Von der Bauchlage bis zum Laufen

pikler-esquema

Erwartungen an Kinder sind oft groß und häufig erlebe ich es, dass Babys miteinander verglichen werden und Eltern ungeduldig werden, wenn Ihr Baby bestimmte Dinge noch nicht kann. Ich möchte hier an dieser Stelle Mut machen, den Dingen seinen Lauf zu lassen und darauf zu Vertrauen das Ihr Kind sich in seinem eigenen Rhythmus entwickeln wird. Kinder, die sich alle Bewegungsarten selbst erarbeitet haben, sind fast in jeder Position in der Lage, ihr Gleichgewicht zu finden. Dies gilt für das körperliche Gleichgewicht ebenso, wie für das seelische.

Zitat von Emmi Pikler: „Ein Säugling fördert sich selbst von früh bis spät. Ihn zum Sitzen oder stehen aufzurichten ist nicht nur überflüssig, sondern schädlich.“

Die wichtigsten motorischen Entwicklungsschritte im 1. Lebensjahr
Die Bilder und Texte stammen aus der Broschüre „Das erste Lebensjahr“  herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Vojta (ZVK). Autoren: Frauke Mecher, Ulrike Kuhn Zeichnungen: Irene Warnke Layout: Katharina Neubert.

Neugeborenes

Bauchlage Neugeborenes erstesjahr 4

Da der Kopf immer zu einer Seite gedreht ist, wird die Bauchlage als asymmetrisch bezeichnet. Die Auflage des Kindes befindet sich hauptsächlich im Bereich der seitlichen Wange, des Brustbeines und auf der gesichtsabgewandten Körperhälfte. Die Arme liegen in Schulter- und Ellenbogengelenk neben dem Körper (Henkelstellung), und die Hände sind locker gefaustet. Von einer Stützfunktion der Arme kann in diesem Alter noch nicht gesprochen werden und somit »rollt« das Kind seinen Kopf über das Kinn wenn es ihn von einer Seite auf die andere bewegt. Nach 4-6 Wochen kann sich das Kind auf seinen Unterarmen »abstützen« und den Kopf kurzfristig anheben, um sich etwas an zu schauen. Das Becken des Neugeborenen ist abgehoben und die Beine sind im Hüft- und Kniegelenk gebeugt. Wenn das Kind »strampelt«, sollten die Innenseiten der Knie und die Zehen Kontakt zur Unterlage haben.

Rückenlage Neugeborenes

erstesjahr 5
Auch die Rückenlage ist zu diesem Zeitpunkt eine asymmetrische Lage, wobei die Auflage hier aber vermehrt auf der Gesichtsseite des Körpers ist. Aufgrund seiner Entwicklungsstufe reagiert das Neugeborene in der Rückenlage auf jegliche Reize mit Massenbewegungen, an denen, wie dieBezeichnung schon sagt, alle Extremitäten d.h. Arme undBeine beteiligt sind.Diese »unstete« Lage verändert sich mit 4-6 Wochen wenn 50-75 % der Kinder zu fixieren beginnen. Sie sind nun mehr fähig sich über einen gewissen Zeitraum auf einen Gegenstand bzw. auf das Gesicht der Mutter zu konzentrieren und sind bemüht, den mit den Augen erfassten Gegenstand zu verfolgen.

3. Monat

Symmetrischer Ellenbogenstütz

erstesjahr 6

Aus der Auflagefläche ist in den letzten 3 Monaten eine  Stützfläche geworden. Das Kind ist jetzt in der Lage sich auf den, vor dem Schultergürtel liegenden, Ellenbogen abzustützen (symmetrischer Ellenbogenstütz). Das Gewicht hat sich Richtung Schambein verlagert und der Kopf kann somit gegen die Schwerkraft getragen werden. Die Halswirbelsäule ist gestreckt, und kann frei gedreht werden. Eine Blickwendung ohne Mitbewegung des Kopfes ist möglich. Die anfänglich »tierähnliche« Beckenhaltung ist nicht mehr zu beobachten und die Beine liegen in Hüfte und
Knie locker gebeugt auf der Unterlage.

Stabile Rückenlage

erstesjahr 7

Auch in der Rückenlage kann man zu diesem Zeitpunkt von einer sicheren, stützenden Lage sprechen. Der Rumpf bildet zusammen mit dem Hinterhaupt die Stützbasis und schafft somit die Voraussetzung, dass die Hände gezielt zum Greifen eingesetzt werden und dass die Beine, rechtwinklig in Hüfte, Knie und Fuß gegen die Schwerkraft getragen werden können. Wie auch in der Bauchlage ist nunmehr eine isolierte Blickwendung, ohne Mitbewegung des Kopfes möglich. Neben dem koordinierten Kontakt beider Hände miteinander ist ein assoziiertes Greifen des Mundes und der Füße zu beobachten d.h., wenn das Kind mit den Händen ein Spielzeug ergreift und Richtung Mund führt, ist dieser meistens schon in Erwartung geöffnet und die Füße bewegen sich zueinander (Ganzkörpermuster des Greifens).

6. Monat

Einzelellenbogenstütz und symmetrischer Handstütz

erstesjahr 8

In den letzten 3 Monaten ist eine Menge geschehen. Auf dem Bauch liegend ist das Kind in der Lage, sein Gewicht auf eine Seite zu verlagern und somit abwechselnd mit einem Arm zu stützen und mit dem anderen zu greifen, der Kopf und ein Arm können nunmehr gegen die Schwerkraft gehalten und bewegt werden (Einzelellenbogenstütz 4 ,5 Monate). Mit 6 Monaten kann es sich bei gestreckten Armen und Hüften auf seinen geöffneten Händen abstützen und den Rumpf bis zu den Oberschenkeln von der Unterlage abheben (symmetrischer Handstütz).

Drehen

drehen    

Auch in der Rückenlage hat das Kind die Verlagerung zur und über eine Seite für sich entdeckt. Mit ca. 4 ,5 Monaten begann es über die Körpermitte zu greifen, was schließlich mit 6 Monaten im zielgerichteten Drehen vom Rücken auf den Bauch mündete. Das Kind kann jetzt Spielzeug aus nahezu allen angebotenen Positionen ergreifen, es zwischen den Händen wechseln und es ist auf dem Wege, die Füße zu ergreifen und sie demnächst auch in den Mund zu stecken.

9. Monat

Schräger Sitz

erstesjahr 10Die Entwicklungsschritte sind jetzt nicht mehr in Bauchlage und Rückenlage »getrennt« zu beschreiben. Das Kind entdeckt seine erste Fortbewegung und beginnt mit ca. 7 Monaten robbend bzw. rollend (sicheres Drehen vom Bauch auf den Rücken mit ca. 8 Monaten) seine Umgebung zu erforschen. Erste Versuche den Raum nach oben zu entdecken sind in der Zeit zwischen dem 7. und 8. Monat zu beobachten, wenn das Kind über die »stabile« Seitenlage und den seitlichen Sitz zum »schrägen« Sitz kommt. Schließlich kann man mit dem Erreichen des Langsitzes (ca. 9 Monate) von selbständigem Sitzen sprechen.

Krabbeln

erstesjahr 11

Zu dieser Zeit ist das Kind auch in der Lage über verschiedene Varianten in den Vierfüßlerstand zu gelangen. Im Gegensatz zu einer ähnlichen Ausgangsstellung, in der das Kind mit 6 Monaten symmetrisch den Po nach vorne und hinten »wippte«, ist es nun in der Lage eine Hand bzw. Knie von der Unterlage zu heben und das Krabbeln zu starten.

12. Monat

Freies Laufen

erstesjahr 13Zur weiteren Entdeckung des Raumes kommt jetzt die Fortbewegung in die »Höhe« dazu. Indem es sich über die Arme hochzieht, krabbelt das Kind an der Wand bzw. dem Gegenstand hinauf und kommt so über den Einbeinstand zum Stand. Nach kurzer Zeit beginnt es seitlich an Gegenständen entlang zu gehen. Es wird jetzt aber noch eine Weile dauern bis das Kind erfährt, dass die Beine seinen Körper tragen können. Mit zunehmender Sicherheit beginnt das Kind zwischen verschiedenen Haltepunkten, z.B. Möbelstücken hin und her zu wandern. Mit ca. 12 Monaten sind 50% der Kinder in der Lage, ihre ersten freien Schritte zu machen und sie probieren diese neuen Fähigkeiten unter anfänglich noch häufigem Stolpern und Straucheln, wann immer sie Gelegenheit dazu haben.

Neben der reinen Fortbewegung, der Eroberung und des »Begreifens« des Raumes dient das Gehen und »sich Entfernen« sicher auch der Ich-Entwicklung, der Sozialentwicklung und der Kommunikation. Die Eltern sind wie auch schon in der Vergangenheit gefordert, durch eine adäquate, sichere aber auch »fördernde « Umgebung den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen zu machen, sie situationsgerecht zu loben, nach kleinen Fehlstarts zu motivieren und nur dann »helfend« einzugreifen, wenn es wirklich »brenzlig« wird. Das kostet sicher Zeit und Nerven, aber ihr kleiner Forscher wird es Ihnen auf seinem Weg in die Selbständigkeit danken.

In meinen Kurse arbeite ich nach den Grundsätzen von Emmi Pikler ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass einige Babys Krankengymnastik benötigen.

Wenn Ihnen eines der folgenden Dinge bei Ihrem Baby auffällt, sollten Sie Ihren Kinderarzt/In zu Rate ziehen.

  • Ihr Kind hat eine Lieblingslage in der es immer einseitig und schief liegt.
  • Ihr Kind »entwickelt« einen schiefen oder abgeflachten Kopf.
  • Ihr Kind ist 6 Wochen und schaut Sie noch nicht an.
  • Ihr Kind ist 4 Monate und kann den Kopf in der Bauchlage noch nicht halten.
  • Ihr Kind hat Sie bis zur 16. Woche noch nie angelächelt.
  • Ihr Kind ist 6 Monate und greift noch nicht.
  • Ihr Kind ist 7 Monate und dreht sich noch nicht vom Rücken auf den Bauch.
  • Ihr Kind ist ein Jahr alt und krabbelt noch nicht.